Villa Theodorowitsch

Villa Theodorowitsch

Die unmittelbar am Tegernsee gelegene Villa, auch „Serbenvilla“ genannt, hatte sich der serbische Fürst Welimir Miehail Theodorowitsch 1874 von August Thiersch entwerfen und bauen lassen. Die Entwürfe zu der dekorativen Ausstattung stammen von dessen jüngerem und später recht bekanntem Bruder Friedrich von Thiersch. Beide Brüder hatten sich der Architektur gewidmet und wirkten als Professoren an der Technischen Hochschule München, der heutigen Tech­nischen Universität. Der Bekanntheitsgrad der zwei Archi­tekten entwickelte sich jedoch auf unterschiedliche Art und Weise. Während sich August Thiersch (1843-1917) überwiegend der Lehrtätigkeit widmete, wurde Friedrich von Thiersch (1852-1921) bald weit über Bayern hinaus bekannt und baute für zahlreiche private und städtische Auftraggeber, für Fürstenhäuser, selbst für das Kaiserhaus, und konnte mit den Aufträgen, die er erhielt, wählerisch umgehen. Horst Karl Marschall hat in seiner Monographie „Friedrich von Thiersch- Ein Münchner Architekt des Spät­historismus“ (1982) überzeugend dargestellt, dass ihm der Bau des Münchner Justizpalastes (1891-97) zu Ruhm und weiteren ambitionierten Wettbewerbsteilnahmen — z. B. in Frankfurt am Main, Berlin und Leipzig — verhalf.Als Professor unterrichtete er 42 Jahre lang das Fach „Höhere Baukunst“ an der Technischen Hochschule München und prägte so mehrere Architektengenerationen.

Wenngleich August Thiersch später etwas im Schatten seines jüngeren Bruders stand, wurde der Auftrag zum Bau der stattlichen Villa am Tegernsee doch ihm übertragen. Durch die Mitwirkung von Friedrich Thiersch ist die Villa Theodorowitsch aber das einzig bekannte Werk, an dem die Brüder gemeinsam gearbeitet haben.

August Thiersch entwarf die Villa Theodorowitsch im Stil eines italienischen Palazzo der Renaissance. Sie sollte den Anspruch des fürstlichen Bauherrn in Größe und Ausstat­tung repräsentieren. Das Formengut entspricht der für die damalige Zeit modernen Bau- und Dekorationsweise. Ob die Villa tatsächlich getreu nach seinen Entwürfen ausgeführt wurde, lässt sich allerdings heute nicht mehr nachweisen. ihre Kubaturen entsprechen zwar weitgehend den überlie­ferten Plänen und Skizzen‚ außer dass die ehemalige Loggia bis auf die Höhe des dritten Geschosses aufgestockt ist.

Der Fassadenschmuck, insbesondere der durch die Pläne doku­mentierte und von Friedrich von Thiersch entworfene Fries unter der Traufe, war bis zu der Kernsanierung der Villa in den Jahren 2012 bis 2014 nicht mehr sichtbar. Dieser Fassadenschmuck wurde im Jahr 2013 wieder an einem Teil der Nordseite des Gebäudes freigelegt und restauriert.

Die Villa erhebt sich über einen rechteckigem Grundriss als drei­geschossiger Walmdachbau mit einer im Mezzanin-geschoss andeutenden Reihe horizontaler Fensteröffnungen unter der Traufe. Die Hauptfassade mit ihren neun regelmäßig ange­ordneten Fensterachsen ist zum Tegernsee hin ausgerichtet. An allen Fenstern, befinden sich hölzerne Klappläden. Zwei Balkone betonen die Mitte der Fassade.

Der Eingang der Villa befand sich einst an der Hauptfassade; die Villa wurde bis zu ihrer Sanierung in den Jahren 2012 bis 2014 giebelseitig von Südosten her erschlossen. Im Zuge der Sanierung wurde der Haupteingang wieder freigelegt und dahinter ein großzügiges Foyer geschaffen, dass in das Treppenhaus übergeht. Der alte Eingang wurde zurückgebaut.

Hinter der Villa erstreckt sich ein parkähnlicher Garten ent­lang eines Hangs. Dort befindet sich ein kleiner, aus Holzbalken konstruierter Pavillon für dessen Ausführung es ebenfalls Skizzen von August Thiersch gibt. Ursprünglich gehörte zum Anwesen auch ein Stallgebäude, das sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand und der Unter­bringung der Pferde und Kutschen diente. Dieses ehemalige Stallgebäude wurde jedoch inzwischen zu einem Wohnhaus umgebaut und erinnert nicht mehr an seine frühere Funk­tion.

Die Mitarbeit Friedrich Thierschs an der Villa ist durch Her­mann Thiersch bezeugt: Nach seinem Ausbildungsjahr in Frankfurt a. Main, wo er im Architekturbüro von Karl Jonas Mylius und Alfred Friedrich Bluntschli mitgearbeitet hatte, hat er seinem Bruder August bei der Dekoration der Villa geholfen: „so stand Friedrich auch schon auf dem Baugerüst Bruder Augusts im kühlen Herbstnebel am Tegernsee, um an der ‚Serbenvilla‘, die eben unter Dach gekommen war, einen reichen Arabeskenfries im Großen aufzuzeichnen und zum Teil eigenhändig in Sgraffito zu übertragen, jener anmutigen, durch Semper wieder eingeführten Fassadendekoration auf dunklem Grunde“ (Hermann Thiersch 1925, S.27).

Der Festsaal befindet sich im zweiten Obergeschoss des nord­westlichen Teils der Villa.Er ist in zwei Zonen gegliedert; in einen durchfensterten Wandbereich und eine dominierende Voute mit stuckierter Decke. Die ursprüngliche Gestaltung des Saales ist auf einer Darstellung bei Marschall fixiert. Demnach waren im unteren Wandbereich Tapeten und eine holzverkleidete Sockelzone vorgesehen und wohl auch ausgeführt. Während die Tapeten im Wandbereich bis zu der Sanierung der Villa nicht mehr vorhanden sind, hat sich die bauzeitliche Malerei an der Decke und der Voute erhalten. Diese wurde im Jahr 2013 umfangreich saniert und konserviert.

Das Bildprogramm des Festsaals folgt dem zeitgenössischen Dekorationstypus einer ita­lienischen Landvilla: Friese und Pflanzenranken, in denen figürliche Darstellungen, Tänzerinnen und Elfen, Vögel, Füchse und spielende Putti, integriert sind. In kleinen Bild­feldern finden sich Landschaften mit antiken Tempeln auf schwarzem Grund.An der stuckierten Decke sind in Feldern Putti und erotische weibliche Figuren dargestellt. Sie sind in weißer Farbe mit grauer Schattierung auf einfarbig hell­blauem oder hellrotem Grund ausgeführt und erwecken den Anschein von Grisaillemalerei. Diese Motive verweisen auf den Zweck der Villa als Ort der Entspannung und des Lustwandelns.

Die Deckenausmalung dieses ehemaligen Festsaals ent­spricht einem für Villen und Herrenhäuser sehr beliebten Dekorstil, der Ende des 19. Jahrhunderts durch zahlreiche Skizzenbücher und Malermappen wie „Die Mappe“ oder das „Deutsche Malerblatt“ verbreitet war. Der Dekorationsstil der Ausmalung orientiert sich an Vorbildern der italienischen Renaissance, auf die im 19. Jahrhundert gern zurückgegrif­fen wurde. Vor allem Gottfried Semper hat diesen Stil ver­breitet und auch sein zweites Opernhaus in Dresden in dieser Art ausgestalten lassen. Nach Hermann Thiersch soll Fried­rich ein Bewunderer Sempers gewesen und eigens zu Studi­enzwecken in die Sächsische Residenz gereist sein.

Heute sind solche Dekorationen nur noch selten erhalten; meist wurden sie  infolge des sich ändernden Zeitge­schmacks — übermalt oder abgeschlagen. Durch den Über­gang der ehemaligen fürstlichen Villa in den Besitz des Freistaates Bayern 1954 und den Einbau der Zwischendecke waren die Malereien über ein halbes Jahrhundert hinweg weitgehend unberührt geblieben. Bei der Sanierung der Villa in den Jahren 2012 bis 2014 wurde die Zwischendecke wieder entfernt und der Deckenbereich des ehemaligen Festsaals aufwendig restauriert. Die dekorative Malerei vermittelt einen guten Eindruck von den Ausstattungsvorstellungen im letzten Viertel des 19, Jahrhunderts. Mit ihr hat sich vermutlich auch ein ein­maliges Beispiel für das dekorative Wirken Friedrich von Thierschs, eines der bedeutendsten Architekten des Histo­rismus in Bayern, erhalten.

Ausführliche Informationen zu der Sanierung und Revitalisierung der Villa Theodorowitsch erhalten Sie unter www.palazzo-tegernsee.de